Jahrgang 12, Nr. 4.
Wenn Lehrer scheitern
Die Geschichte des gescheiten Schreibens über den Lehrberuf ist die Geschichte des inflatorischen Anhäufens von Tugendkatalogen. Das moderne Qualitätsmanagement
schließt da nahtlos an, nur dass die Tugendkataloge nun noch skaliert und in Form von Lehrpersonen- und Unterrichtsbeurteilungsbögen elektronisch multipliziert werden.
Dabei wäre es dem Pädagogikgeschäft angemessener, ebenso sehr das Scheitern zu thematisieren. Das mannigfaltige Scheitern, welches Lehrpersonen alltäglich an Lernenden und an sich selbst erleben. Die Biografien der meisten großen Pädagogen sind ja auch Zeugnisse des Umgangs mit dem Scheitern. Professionalisierung würde bedeuten, das Scheitern ebenso anzunehmen und produktiv zu gestalten, wie man es bezüglich der positiven Qualitätsstandards erwartet. Die Spannung zwischen den überhöhten Tugendansprüchen und der Realität des dem Beruf innewohnenden Scheiterns hat zur Tabuisierung des Letzteren geführt. Dies auch, weil das Fehlen breit anerkannter fachlicher Konzepte sich in der Diskussion von Scheitern schlimmer auswirkt, als wenn man sich in den Sphären der Tugendenrhetorik vergnügt. Dieses Themenheft versteht sich als Beitrag zur Enttabuisierung des Scheiterns im Lehrberuf. Es versucht, eine Sprache dafür zu geben, Verstehen zu fördern und der Hilflosigkeit gegenüber gröberen Erscheinungen des Scheiterns ein paar erprobte Handlungskonzepte entgegenzusetzen.